Nur weil er keine Kinder habe, sei sein Leben nicht nutzlos, entgegnet der geplagte Schriftsteller Edward (James McArdle) in einem überraschenden Moment sozialkritischer Substanz. Doch solche Vorstöße zum Kern der täuschend unbeschwerten Thematik sind rar in Darren Thorntons herzlicher Familienkomödie. In der italienischen Filmvorlage Mid-August Lunch von 2008, in der Regisseur Gianni Di Gregorio mit seiner eigenen Mutter auftrat, waren es noch straighte Bekannte, die ihre pflegebedürftigen Mütter kurzfristig bei dem ebenfalls straighten Protagonisten parkten.
Dass Thornton und sein Bruder und Co-Drehbuchautor Colin mit Edward einen queeren Hauptcharakter in einem schwulen Freundeskreis zum Pfleger Widerwillen machen, passt indes zum gesellschaftlichen Muster. Queere Menschen sind überdurchschnittlich oft die, denen die Pflege der Eltern zugeschoben wird. So hat auch der durchsetzungsschwache Hauptcharakter einen Bruder, auf dessen Verpflichtungen als Familienvater Mutter Alma (Fionnula Flanagan) selbstverständlich Rücksicht nimmt. Edwards anstehende Tour in den USA, die ein entscheidender Karriere-Push sein könnte, scheint dagegen nachrangig.
Nicht nur für die nach einem Schlaganfall sprachunfähige, aber resolute Alma. Edwards angebliche Freunde überlassen ihm die Betreuung ihrer Mütter, um auf der Maspalomas Pride zu feiern. Bei aller eigensinnigen Komik Almas und ihre ungeladenen Besucherinnen Jean (Dearbhla Molloy), Maude (Stella McCusker) und Rosey (Paddy Glynn), ist das ein ziemlich bitteres Szenario. Erst recht, als der skurrile Plot das verklärte Familienbild durch biografische Einblicke zurechtrückt. Doch nicht nur Edward, auch die Inszenierung ist chronisch konfliktscheu.
Mehrfach steuert die Handlung auf eine offene Diskussion oder Aussprache zu, nur um dann einen Rückzieher zu machen. Die offenen Wunden der Vergangenheit werden nicht geheilt, es gibt keine Entschuldigung, nichtmal Schuldbewusstsein. Das untergräbt das äußerlich liebevolle Mutter-Sohn-Verhältnis, trotz Flannagans einfühlsamen Porträts. Zudem bestätigt die warmherzige Inszenierung indirekt die gängige Nachsicht gegenüber Queerphobie nebenher die toxische Haltung, dass elterliches Fehlverhalten hingenommen werden sollte. So viel Charme die alten Damen auch mitbringen, bleibt ein herber Beigeschmack.
Die Stärke Darren Thorntons euphemistischer Neuauflage des italienischen Comedy-Erfolgs ist sein hervorragendes Darstellerinnen-Quartett. Das gilt besonders für Fionnula Flanagan und Dearbhla Molloy, die mehr eigene Szenen erhalten als ihre Kolleginnen. Die Handlung verzichtet erfreulicherweise auf übermäßig absurde Aktionen und schlägt einen feinsinnigeren Humor an. Ein Hauch Tragikomik liefert ein lebensnäheres Gegengewicht zu der naiven Versöhnlichkeit, doch nicht genug, um den Familiarismus auszugleichen. Für die Konflikte und Lebensrealität queerer Menschen fehlt der wohlmeinenden Mutter-Sohn-Komödie das Gespür.
- OT: Four Mothers
- Director: Darren Thornton
- Year: 2024