Mit verkaufswirksamen Film-Stories ist das wie mit eingängigen Songs: Es genügt schon eine kleine Variation, dann kann man die gleiche Leier immer wieder anhören. Zumindest scheint das die Ansicht Hanno Olderdissens. Seine konventionelle Mischung aus Buddy-Comedy und Brüder-Drama setzte nicht nur musikalische auf Repetition. Bobby Hebbs optimistischer Oldie „Sunny“, der in mehr als einem halben Dutzend Cover-Versionen auf dem Soundtrack rauf und runter läuft, wirkt wie eine Popkultur-Parallele zum Plot. Jener bemüht einmal mehr die filmische Trope des inspirierenden Neurodiversen, der einem abgeklärten Protagonisten eine positive Perspektive auf das Leben eröffnet. In dem Fall dem korrupten Immobilienmakler Thomas (Christoph Maria Herbst).
Letzter kommt geradewegs aus dem Gefängnis, wo er wegen unlauterer Geschäfte saß, in das Leben seines bis dahin unbekannten Halbbruders Roland (Nico Randel). Der vom Down-Syndrom betroffene Amateur-Bodybuilder hat lebenslanges Wohnrecht in dem Einfamilienheim, das Thomas von seiner komatösen Mutter geerbt hat. Beide sind zu Beginn wenig begeistert von ihrem Familienzuwachs. Dass sich das bald ändert, ist genauso vorhersehbar wie das Happy End. Das ist obligatorisch für das warmherzige und reichlich weltfremde Wohlfühlen-Kino, das Clemente Fernandez-Gil mit ernüchternder dramatischer Didaktik bedient. Gerade weil der Drehbuchautor selbst einen Sohn mit Down-Syndrom hat, hätte man mehr Mut zu Realismus und Regelbrüchen erhofft.
Als Schauspiel-Vehikel für Christoph Maria Herbst, der seine Sache mechanisch, aber mittelmäßig zufriedenstellend macht, funktioniert Hanno Olderdissens schablonenhafte Fließband-Familienkomödie einigermaßen. Zwar signalisiert die Besetzung Nico Randels einen Schritt zu darstellerischer Diversität und narrativer Authentizität, doch das wirkt vor allem kosmetisch angesichts der Klischeehaftigkeit seines Leinwand-Charakters. Die platten Gags markieren die ermüdende Einfallslosigkeit der harmoniestrebenden Handlung. Darin ist Sesede Terziyan als engagierte Betreuerin dramaturgisches Instrument und lebensfernes Ideal sozialstaatlicher Kontrolle. An Chemie zwischen den Hauptcharakteren mangelt es ebenso wie an Tempo und Twists. Das redundante Resultat ist konfliktscheues Konventionskino für alle, die lieber zehnmal den gleichen Song hören als einmal etwas Neues.
- OT: Ganzer halber Bruder
- Director: Hanno Olderdissen
- Year: 2025