Die Begegnung, um die Gianluca Vassallos essayistischer Dokumentarfilm kreist, ist im Grunde eine bittere Pointe. Kein Handschlag oder versöhnliches Gespräch, wie es der lange Aufbau der mäandernden Meditation über die schier unüberbrückbare ideologische Kluft und unwillkürliche menschliche Nähe in den USA der Gegenwart erwarten lässt. Nur ein verstohlener Blick durch den Spalt einer Tür, die eine mehrfache Grenze markiert: strukturell, sozial, ökonomisch, bürokratisch, politisch. Entlang dieser gleichsam unsichtbaren und unüberwindbaren Demarkierungen tastet sich die dokumentarische Reise.
Ihr übergreifender Handlungsbogen manifestiert sich stückweise durch zwei Menschen an diametral entgegengesetzten Punkten des politischen Spektrums. Beide sind ältere Männer, die irgendwo um Coney Island leben. Robert ist ein energischer Trump-Anhänger, der eine zum Wahl-Werbebanner umgestaltete Flagge wie ein Superhelden-Cape um die Schultern trägt. Der Aufdruck “Trump 2024” macht es zugleich zum Triumph-Banner gegenüber denen, gegen die Robert sich einsetzt. Das sind vor allem Menschen wie Eduardo, der vor zwei Jahrzehnten durch die Wüste in die USA gewandert ist.
Nun arbeitet er als Koch in einem Diner, in dem Robert schließlich eingekehrt. Es ist eine exemplarische, emblematische, letztlich auch evidente Konstellation. Dahinter steht die rhetorische Frage, wer den Burger gebraten hat – oder einen anderen essenziellen Job vollbracht – von dem die US Bürger*innen mit gesichertem Aufenthaltsstatus tagtäglich profitieren, ohne weiter darüber nachzudenken. Dazwischen liegen alltägliche Vignetten. Patriotische Polemik, Proteste, Häuserfassaden, Wahlkampfbüros, Auto-Monologe und Straßenszenen, die überlappende Gespräche lose verbinden. Unebene Fragmente einer Nation zwischen Abschottung und Offenheit.
Ohne Texte oder Erläuterungen kulminiert Gianluca Vassallos dokumentarische Collage statt in versöhnliche Gesten in einen buchstäblichen Augenblick, dessen zufällige Details Symbolcharakter gewinnen. Ein migrantischer Arbeiter und ein angestammter US-Bürger begegnen einander, ohne sich wirklich zu treffen. Ihr indirekter Kontakt wird zur Analogie eines Landes voller Gegensätze, aber auch verdeckter und verdrängter Gemeinsamkeiten. Der metaphorische Moment markiert den kontraintuitiven Kern eines filmischen Mosaiks, dessen Teile sich nie zu einem heilen Gesamtbild fügen, weil es Vassallo um die Risse und Bruchstellen geht.
- OT: The Lunch: A Letter to America
- Director: Gianluca Vassallo
- Year: 2025