Eine Kinderbuch-Verfilmung um ein sagenumwobenes Titeltier, das mit einer eigenwilligen kindlichen Heldin Freundschaft schließt, angesiedelt in einer halb parodistisch, halb märchenhaften Alternativ-Realität und ausgestattet mit einem erwachsenen Antagonisten, der von einem prominenten Darsteller verkörpert wird. Die äußerlichen Parallelen Jeffrey Walkers Fantasy-Kinderfilms, der auf dem Sundance Film Festival in der Ein-Film-Sektion Family Matinee läuft, zu Isaiah Saxons The Legend of Ochi, der dort im vergangenen Jahr debütierte, sind fast schon absurd. Doch inhaltlich und inszenatorisch sind die beiden Werke alles andere als austauschbar.
Während Ochi ein Individuum einer mythischen Spezies war, ist das titelgebende Fing David Williams gleichnamigen Kinderbuchs offenbar ein Unikat. Dass selbiges aussieht wie ein haariger Ball verweist auf die Persönlichkeit. Davon hat Fing wenig. Es will am liebsten alles verschlingen, ein bisschen wie eine pelzige Pac-Man-Version. Diese Unersättlichkeit macht Fing zum psychologischen Pendant der menschlichen Protagonistin. Die 12-jährige Myrtle Meek (Iona Bell) ist motiviert von unstillbarem Materialismus und Machthunger. Das Konsum-Kind will alles haben und bestimmen. Ihre metaphorisch benannten Eltern Maureen (Mia Wasikowska) und Christopher Meek (Blake Harrison) erfüllen ihre Forderungen aus Hilflosigkeit.
Myrte ist die Nachwuchsversion gieriger Grandiosität, eine selten abstoßende Hauptfigur ohne ausgleichende positive Eigenschaften. Doch nach inszenatorischer Interpretation ist alles eine Frage der Erziehung. Um ein weniger furchtbar zu sein braucht sie – weniger? Nein, noch mehr! Nämlich lebendes Spielzeug in Form von Fing. Weil alle Kids den fressenden, sabbernden Fellball super finden, findet sich auch die Materialismus-Myrtle noch toller. Aber da ist noch Taika Waititi, der wiedermal eine Rolle braucht, in der er seine schräge Selbstdarstellung voll aufdrehen kann. Das ist der adelige Viscount, der Fing als Attraktion seines Zoos will.
Wie das Ganze ausgeht, ist nach den ersten Minuten klar. Dabei hätte die Konfrontation der in Mentalität und Motivation gleichgesinnten Gegenspielenden durchaus interessant ein können. Doch Walker und sein Drehbuchautor Kevin Cecil tun so, als gäbe es einen großen Unterschied zwischen Myrtyl, der Viscount sagt, sie sein „lower class“. Für ein Mädchen, das entsprechend der Fantasy-Handlung buchstäblich alles hat, jeden Wunsch erfüllt kriegt und ständig bedient wird, ist das milde formuliert ein fehlgeleiteter Begriff. Entsprechend unangenehm ist die Message an das kindliche Publikum, die Selbstsucht, Gier und Herrschsucht verklärt.
Kauzige Retro-Kostüme und warmherzige Darstellungen von Mia Wasikowska und Blake Harrison können die eklatanten Mängel von Dramaturgie und Iszenierung nicht aufwiegen. Die vorhersehbare Handlung lässt Nebenstränge fallen, stolpert von einer Situation in die nächste und flüchtet sich regelmäßig in Deus ex machina Auswege. Der Humor beschränkt sich auf Schadenfreude und Slapstick. Charaktere werden nicht entwickelt oder ergründet, sondern durch plumpe Exposition definiert. Klassenunterschiede erscheinen grotesk verzerrt und Statusgefälle werden ohne Ironie oder Subversion invertiert. Passend zum kommerziellen Grundsatz wirkt das Titel-Tier wie ein liebloses Merchandising-Model.
- OT: Fing!
- Director: Jeffery Walker
- Year: 2026