Bereits der Titel Muriel d’Ansembourgs spekulativen Spielfilm-Debüts, das auf der 76. Berlinale in der Perspectives Sektion Premiere hat, signalisiert als Verweis auf emotionale Entblößung im Gegensatz zu physischer Nacktheit die moralistische Tendenz der pseudo-toleranten Porno-Debatte. Als solche entfaltet sich ein Großteil der hypothetischen Handlung, der es weniger um die Abbildung glaubwürdiger Charaktere oder narrativer Dynamik geht als um die apodiktische Beantwortung rhetorischer Fragen zum kontroversen Kernthema Pornographie. Eine konfrontative Darstellung deren vermeintlicher Routine im Independent Ultra-Low-Budget Sektor eröffnet den belehrenden Plot mit einer in mehrfacher Hinsicht enthüllenden Szene.
Die mit Goldfarbe angemalten Porno-Darstellenden Dylan (Andrew Howard) und Lizzie (Alessa Savage) drehen mit Dyans jugendlichem Sohn Alec (Caolán O’Gorman) hinter der Kamera. Das Set ist ein Raum in Alecs und Dlyans Wohnung, die einer bizarren Mischung aus Männer-WG und heruntergekommenem Love Hotel gleicht. Als Produzent, Vertreiber und Hauptdarsteller seiner Filme, die sein Sohn augenscheinlicher seit längerem filmt, sind Arbeit und Privatleben für Dylan praktisch unauflöslich vermischt. Mit seiner introvertierten Zurückhaltung ist Alec das Gegenbild seines selbstherrlichen Macho-Vaters, der in Satin-Baderobe und mit Joint wie Hugh-Hefner-Karikatur rumläuft.
Die private Omnipräsenz der Porno-Industrie, in der auch seine verstorbene Mutter tätig war, wird für Alec zunehmend zur psychischen Belastung. Als er in der Schule Postergirl-Feministin Nina (Safiya Benaddi) kennenlernt, eröffnet sie ihm eine unvertraute Welt emotionaler Nähe und gegenseitiger Zärtlichkeit ohne den Blick der Kamera. Dass diese schließlich demonstrativ abgeschaltet wird, ist das vorhersehbarste Statement der hypokritischen Inszenierung. Deren vorurteilsfreie Fassade bröckelt schon mit der ersten Szene. Darin zeigen eine Penis-Attrappe und Fake-Sperma die ungelenke Mutlosigkeit der Regisseurin und Drehbuchautorin, die von echtem Porno-Produktionen physisch und figurativ offenbar weit weg ist.
Entsprechend klischeehaft ist deren Darstellung als inhärent ausbeuterisch, gewaltvoll und frauenverachtend. Ähnlich stereotyp sind die eindimensionalen Figuren, die vorrangig Wertkonzepte verkörpern. Ninas Mutter betreibt Coaching von Frauen für Frauen und ist als engagierte Feministin die Antithese Dylans. Dass der schließlich seine Schattenseiten enthüllt, ist ebenso klar wie die Reaktion seines mit dem immer gleichen Softie-Blick in die Kamera schauenden Sohnes. Er ist gemäß des selbstgerechten Szenarios eines der Opfer einer Porno-Industrie, derer sich d’Ansembourg Selbst mit voyeuristischem Blick und ästhetischer Appropriation bedient.
Hinter der Maske der künstlerischen Auseinandersetzung spekuliert Muriel d’Ansembourgs Spielfilm-Debüt auf die Anziehungskraft der Branche, die sie pauschal aburteilt. Der atmosphärische Kontrast grell ausgeleuchteter Porno-Drehs mit in sanftes Licht getauchten privaten Sexszenen zeigt exemplarisch den dramaturgischen Duktus von Verachtung und Verklärung. Auch wenn ihre Sex-Szenen offenkundig fake sind, unterstreicht deren selbstgerechte Legitimation als “Kunst” die perspektivische Doppelmoral, die eine hintergründige Auseinandersetzung mit Erwartungshaltungen, Sexualität und Sexwork verhindert. Das Philister-Pedant zum Porno: ein realitätsfernes Konstrukt zur moralistischen Selbstbefriedigung.
- OT: Truly Naked
- Director: Muriel d’Ansembourg
- Year: 2026