“It’s not a documentary, it’s a feature.”, sagt Douglas Gordon im Interview über seine filmische Kollaboration mit Finlay Pretsell. Dessen Faible für komplexe Persönlichkeiten und ungewöhnliche perspektivische Ansätze findet ein perfektes Pendant in Gordons kreativer Auseinandersetzung mit Projektion im visuellen und psychologischen Sinn, Paradoxa und Dualität sowie der aktiven Beteiligung der Betrachtenden an Kunstwerken. So ist auch beider prismatisches Porträt ein genreübergreifenden Gegenentwurf zu konventionellen Dokumentationen, die sich ihrem Subjekt durch Interviews und Lebensläufe annähern.
Der abgedunkelte Raum Gordons Berliner Studios ist der zentrale Schauplatz der erratischen Studie, die spontane Aktionen, Alltagsmomente und performative Posen nahtlos verwebt. Intime Gespräche am Telefon, halb ironische Kommentare für die Kamera und offene Auseinandersetzungen mit dem Regisseur machen das widersprüchliche Wesen des Protagonisten umso greifbarerer, umso mehr eindeutige Definitionen von Wahrheit und Spiel, Echtheit und Verstellung zerfallen. Bereits der visuelle Auftakt, der zu hektischen Schnitten und treibender Musik Ausschnitte Gordons filmischer Arbeiten einstreut, verwischt die Grenze zwischen Filmemacher und Filmcharakter auch auf schöpferischer Ebene.
Diese Appropriation, Integration und Wiederverwertung sind direkte Bezüge zu Gordons Schaffen, das sich damit motivisch und methodisch auseinandersetzt. Seine bekanntesten Kunstprojekte untersuchen den elementaren Einfluss von Film und Kino auf Popkultur und Gesellschaft. Innovative Installationen wie “24 Hour Psycho”, das Hitchcocks Film auf 24 Stunden ausdehnte, brachten ihm den Turner Prize als einer der jüngsten Kandidaten und erster, der für Video-Kunst ausgezeichnet wurde. Mit seinem chaotischen Studio eröffnet Gordon zugleich einen Teil seines psychischen Universums, den Ausstellungswerke kaum enthüllen.
Bereits der Titel Finlay Pretsells faszinierenden Panoptikums, das im Panorama der 76. Berlinale Premiere feiert, doppelt und teilt Douglas Gordon in Auteur und Sujet. Mit dieser subjektiven Fragmentierung spielt und ringt das intime Porträt, das sich konzeptuellen Konflikten ebenso konsequent stellt wie Pretsell sich den pointierten Provokationen Gordons. Das rigorose Kondensieren der Hunderten Stunden Drehmaterial erhöht die innere Spannung der visuell bewusst rohen Aufnahmen. Unschärfen, diffuses Licht und verwinkelte Einstellungen werden zu optischen Metaphern der verschlungenen psychischen Pfade konfrontativer Kreativität.
- OT: Douglas Gordon by Douglas Gordon
- Director: Finlay Pretsell
- Year: 2026