“There are those who make the world a better place, those who make it worse, and there are those who watch.”, resümiert Daisy (Lili Reinhart) in Uta Briesewitz pseudoprovokantem Psychothriller, der entgegen seiner moralistischen Maske genau darauf spekuliert. Sensationalismus und Scheinheiligkeit sind die lukrativen Hauptzutaten des stagnativen Story, die den medienpolitischen und moralischen Dilemmas des Plots gezielt ausweicht. Der unentschlossene Mix aus Comedy, Krimi und Konfliktstudie gleicht einer kruden Mischung aus Trash-Thrillern wie 8mm und Moritz Riesewiecks und Hans Blocks beklemmender Doku The Cleaners.
Letzte diente offenbar als Inspirationsquelle des reichlich konstruierten Plots um den traumatischen Einfluss der Online-Beiträge auf eine Social Media Content Moderatorin. Daisy wäre gerne Krankenschwester, doch landet stattdessen in einem der dicht an dicht aufgereihten Moderatoren-Plätze des Subunternehmers Paladin. Ihr Job ist das Prüfen gemeldeter Posts – auf welchem Medium, wird nie ganz klar, doch die Form der Beiträge deutet auf Facebook oder YouTube – anhand diffuser Richtlinien. „We‘re moderators, not censors.“, mahnt ihre pragmatische Vorgesetzte Joy Jones (Christiane Paul), die ihrerseits unter Druck von oben steht.
Doch komplexe Charakterbilder interessieren Briesewitz und Drehbuchautor Matthew Nemeth ebensowenig wie Medienmaschinerie, für die Daisy und ihr Team arbeiten, und die weitreichenden Implikationen der Entscheidungen, die sie in Sekunden treffen müssen. Ein nur in Spiegelungen und Ausschnitten gezeigter Clip eines sexualisierten Gewaltakts verfolgt Daisy, die sich auf die Jagd nach dem Mann im Video macht. Die Frage, ob der Clip tatsächlich Snuff ist oder bloß ein sadistischer Amateur-Porno, wird zur Nebensache in der schematischen Spurensuche, begleitet von den üblichen Dead Ends und Rückschlägen.
Daisys naives Detektivspiel ist weder spannend noch psychologisch aufschlussreich. Der übermäßige Fokus auf das freundschaftliche Arbeitsklima bei Paladine und humoristische Episoden aus dem Teamkreis verdrängt und verharmlost die traumatischen Auswirkungen der permanenten Konfrontation mit drastischem Content. Auf den kaum verhohlenen Appell für eine rigorose Zensur gewaltvoller Inhalte, selbst aus den Nachrichten, folgt eine bizarre Banalisierung, die fast in vigilantische Verklärung mündet. Surreale Symbolik und ein Durchbrechen der vierten Wand revidieren in letzter Minute den realistischen Rahmen des kalkulierten Konstrukts, das lieber wegschaut – auch von seiner Thematik.
„We watch this, so no one else has to“, sagt die Protagonistin Uta Briesewitz mutlosen Moralstücks, das diese Konfrontation politisch und visuell scheut. Klischee-Charaktere, schale Gags und hölzerne Dialoge geben dem unausgegorenen Genre-Mix die artifizielle Atmosphäre einer Office-Soap. Der umstrittene Content bleibt weitgehend unsichtbar, abgesehen von zwei abstrusen Extremfällen wirkungslos und erscheint austauschbar in seiner vorgeblichen Verdammungswürdigkeit. Wenn die taktische Inszenierung Nachrichtenreportage-Bilder für überflüssig erklärt, offenbaren sich die korrosiven Konsequenzen für Meinungs- und Pressefreiheit. Neo-konservative Tendenzen machen das darstellerisch fade, ideologisch ambivalente Comedy-Mystery zu kinematischem Click-Bait.
- OT: American Sweatshop
- Director: Uta Briesewitz
- Year: 2025