Selbstsuche, Spiritualität und Sozialstatus markieren das thematische Spannungsfeld Andrea Suwitos kontemplativen Dokumentarfilms, der den psychischen Konflikt zwischen geistiger und gesellschaftlicher Identität vor dem Hintergrund fundamentalen kulturellen Umbruchs untersucht. Der wachsende Einfluss westlicher Strukturen in einem Kulturkreis, dessen uralte Konzepte von Gender vielseitiger sind als das rigide binäre Konstrukt von männlich und weiblich, konfrontiert die emotional zerrissene Hauptfigur mit existenziellen Fragen um Akzeptanz, Autonomie und Assimilation.
Die der indonesischen Bevölkerungsgruppe der Bugis angehörende Eka ist eine der letzten Vertretenden der Bissu-Gemeinschaft. Diese spirituelle Kaste verkörpert das fünfte der verschiedenen Gender, welche die Bugis traditionell unterscheiden. Bussi Vereinen als typisch männlich und weiblich gesehene Eigenschaften und nehmen oftmals die Rolle geistlicher Leitfiguren und Schamanen ein. Dieser ethnographische Rahmen, der die biologistische Ideologie von zwei naturgegebenen Gendern dekonstruiert, dringt auch in Ekas Leben.
Als gleichsam verletzliche und starke Persönlichkeit steht sie vor einem persönlichen Wendepunkt. Eine lange ersehnte Pilgerreise nach Mekka zwingt sie, sich in ein normatives binäres Gender-Konzept einzufügen. Ihr individueller Zwiespalt als eine der letzten Bissu spiegelt den soziokulturellen Bruch zwischen inklusivem Kulturerbe und globalisierter Assimilation. Die Eskalation queerfeindlicher Diskriminierung auf staatlicher, sozialer und institutioneller Ebene katalysiert den religiösen Wunsch durch eine konkrete äußere Bedrohung, die fluide Identität gewaltsam festlegt.
Der titelgebende Ruf Andrea Suwitos intimen Porträts einer Persönlichkeit in einem Moment privaten und politischen Wandels ist zugleich die von Angst forcierte Sehnsucht nach Glaubens- und Gemeinschaftszugehörigkeit und das Echo einer im Verschwinden begriffenen Kulturtradition. Jene revidiert das Bild eines inhärenten Widerspruchs von queerer Akzeptanz und Religiosität, die in farbenfrohen Ritualen gefeiert werden. Der respektvolle Kamerablick schafft in langen, ruhigen Einstellungen eine vertraute Aura, in der symbolistische Szenen und Naturalismus fließend ineinander übergehen.
- OT: A Distant Call
- Director: Andrea Suwito
- Year: 2026