Kann das individuelle Gefühl bestimmen, mit welchem ethnischen Hintergrund sich eine Person öffentlich identifiziert? Was motiviert weiße Menschen, sich als BIPOC auszugeben? Kann der ostentative Einsatz gegen Rassismus ein Ausgleich sein für rassistische Scharaden wie der US-amerikanischen Paeudo-Aktivistin und Betrügerin Rachel Dolezal? Deren Fall, der weltweit mediale Aufmerksamkeit erhielt, diente als eine Inspiration Randa Chahouds manirierter Leinwand-Adaption Mithu Sanyals gleichnamigen Erfolgsromans. Dessen jugendliche Protagonistin stürzt in eine Identitätskrise, als sie hinter die wahre – weiße – Herkunft ihrer vorgeblich indischen Professorin Saraswati kommt.
Nivedita (Amanda Babaei Vieira), ihre Cousine Priti und beste Freundin Oluchi (Zoe Magdalena) sind schockiert, dass aller sich als Deutungshoheit über Rassismus, Diskriminierung und (De)Kolonisierung ausgebende Lieblingsprofessorin sie getäuscht hat. Wärend Oluchi vor Ort Proteste organisiert, ein Shitstorm die vormalige Vorzeige-Professorin trifft und ein internationaler Skandal brodelt, hängt Nivedita weiter an ihrem gestürzten Götzen. Das missfällt neben ihren Kommiliton*innen auch der Göttin Kali (Sabrina Setlur). Sie begleitet die Protagonistin auf ihrem Weg zu einer eigenen Stimme, die hier als Social Media Selbstpräsentation präsentiert wird.
Die skurrile Rolle, in der Setlur natürlich ein paar Zeilen singen darf, ist Teil eines inszenatorischen Überbaus zwischen musischer Metaphorik und magischem Realismus. Als Saraswati in einer frühen Szene die weißen Studierenden des Raums verweist, folgen die betreffenden Statisten dem ausdruckstänzerisch. Saraswatis Bruder reagiert auf Niveditas Frage nach den Motiven seiner Schwester mit einem tänzerischen Solo und Nivedita selbst köpft in einer Traumszene ihre WG-Mitbewohnerin, die rassistische Witze reißt. Diese verspielte Theatralik bereichert das Szenario weder ästhetisch, atmosphärisch oder inhaltlich.
Im Gegenteil dienen die bühnenhaften Elemente scheinbar der strategischen Vermeidung einer konkreten Auseinandersetzung mit den vorgeblichen Kernthemen. Was bewegt Sarswati zu ihrer grotesken Scharade? Warum wurde sie nicht längst enttarnt, wenn ein altes Foto, die Verwendung von Haartönung und zwei Minuten googeln dazu ausreichen? Was begeistert Nivedit und offenbar die gesamte Uni so an dieser Professorin, die längst bekanntes Basiswissen wiederkäut und darunter einige bedenkliche Ansichten mischt? All das bleibt rätselhaft. Obwohl sichtlich überfordert mit der kontroversen Thematik, erweitert Chahoud diese noch.
Nivedita trifft Saraswati mit einer romantischen Partnerin. Ist ihre Queerness authentisch oder auch eine Pose? Die subjektive oder strategische Identifizierung mit diskriminierten Gruppen ist geläufig und sogar stillschweigend akzeptiert auf anderen Gebieten, etwa Klasse, Gesundheit, Religion. In einer bezeichnenden Szene sagt Nivedita, dass ihre Unfähigkeit das Fehlverhalten ihrer Professorin in Worte zu fassen, dieses nicht geringer mache. Auch die Regisseurin scheitert an einer substanziellen Auseinandersetzung mit der diffizilen Thematik, die ständig angesprochen, aber nie angegangen wird. Was bleibt ist durchschnittliches Teenie-Drama.
Das solide Ensemble ist noch der überzeugendste Aspekt Randa Chahouds preziöser Romanverfilmung. Deren inhaltliche Schwächen stehen neben strukturellen Brüchen, Logiklücken sowie psychologischen Widersprüche und Leerstellen. So spannend der Stoff und die realen Fälle, die ihn inspirierten sind, so enttäuschend fade und mutlos ist die filmische Umsetzung. Die Elemente von Tanztheater und Traumvisionen hindern die Handlung, die sie unterstützen sollen, und verwässern zusätzlich die bereits trivialisierten Konflikte. Auch als reines Jugenddrama schwächelt die Story, in der Brüche plötzlich gekittet sind und fundamentale Gegenpositionen versöhnt.
- OT: Identitti
- Director: Randa Chahoud
- Year: 2026