„Ein kraftvolles Plädoyer für weibliches Empowerment“, will Aaron Lehmanns Verfilmung Daniela Dröschers gleichnamigen Bestsellers sein. Den Großteil der knapp unter zwei Stunden Laufzeit ist er allerdings das Gegenteil. Eine Geschichte weiblicher Duldsamkeit und Mutlosigkeit in einem Wohlstandshaushalt mit Wohlstandsproblemen. Selbige nehmen im Laufe der Mischung autobiografischer und autofiktionaler Ereignisse zu, parallel zu Vermögen und Masse der Titelfigur. Mama Cornelia (Rosalie Thomass) ist zu dick, findet Papa Werner (Golo Euler) und Tochter Ela (Elise Lindner) kriegt das alles mit und schreibt später mal darüber einen Roman.
Dessen Geschichte ist in jeder Hinsicht die eines Überflussszenarios. Die Familie der kleinen Ela hat von allem mehr as genug: Vermögen, Status, Essen. Letzte sieht man Cornelia an. Die sogenannte Fresswelle der 50er zeigt in der westdeutschen Provinz der frühen 80er, in denen die Handlung spielt, noch Nachzügler-Spuren. Elas Mutter ist dem äußeren Anschein nach ständig auf Diät, obwohl vereinzelte Szenen implizieren, dass dies eine hilflose Scharade ist, um ihren Gatten zufrieden zu stellen. Der erniedrigt sie gezielt wegen ihres Körperumfangs.
Der ist angeblich Schuld an seinem beruflichen Misserfolg. Die ebenso aberwitzige wie abstoßende Überzeugung sollte eigentlich jede noch so liebende Ehefrau in die Flucht schlagen. Doch Cornelia bleibt, obwohl sie die finanziellen, strukturellen, familiären und physischen Ressourcen zur Scheidung hat. Warum sie dennoch bleibt, ihren Wunsch nach beruflichem Wiedereinstieg zurückstellt und stattdessen ein zweites Kind hat, bleibt rätselhaft. Ela kommentiert lapidar ihr Familienleben, das die Inszenierung durch die subjektiven Verzerrungen ihrer naiven Wahrnehmung filtert. Das soll tragikomische sein, wirkt aber mehr wie verkappte revisionistische Selbstinszenierung.
Cornelia schafft es dank eines nie konkretisierten Erbes von wohlhabend zu reich (fun fact: Dröscher hat auch ein Buch geschrieben, in dem sie sich als Mittelschicht darstellt – welches Szenario ist hier Fiktion?). Ihre Koffer packt sie trotzdem nicht, sondern geht stattdessen radikale Schritte, um ihren Gatten optisch zu genügen. Wie Cornelia selbst zu ihrem Körper steht, ist nie Thema. Relevant scheint einzig der männliche Blick auf ihre Physis, die eine voyeuristische Nacktszene optisch zerteilt und stückweise vorführt, wie zur Bewertung seitens der Zuschauer.
In bunten Farben, bühnenhaften Kulissen und begleitet von seichtem Euro-Pop adaptiert Aaron Lehmann Daniela Dröschers Erfolgsroman als Plädoyer für mehr Aufmerksamkeit für Privilegierten-Problemchen. Selbst davon haben die Figuren des eindimensionalen Szenarios nur eines. Dessen komplexer Kontext in patriarchalischer Medizingeschichte, Ideologie, Kapitalismus und (Pseudo)Wissenschaft wird nahezu gänzlich ausgeblendet und teils bedenklich verzerrt. Ohne analytischen Blick auf die zugrundeliegenden Strukturen wird die Gewichtsfrage zur privaten Bagatelle. Das plakative Schauspiel und die allesamt einen Tick zu grellen Kostüme, Songs, Dialoge – reduzieren das Zeitbild zur bürgerlichen Burleske.
- OT: Lügen über meine Mutter
- Director: Aaron Lehmann
- Year: 2026