Neo-Western, Endzeit-Thriller und Horror verdichten sich zu einer finsteren Parabel von Schuld, Selbstverleugnung und Verdammnis und Dara Van Dusens eindrucksvollem Spielfilm-Debüt. Basierend auf Stewart O’Nans gleichnamigem Roman entwirft die New Yorker Regisseurin ein gesellschaftskritisches Gegenbild zum US-amerikanischen Frontier Mythos, dessen buchstäblich infernalischer Ausklang ein klares kollektives Urteil spricht. Atmosphärisch dicht und formal ambitioniert, macht ihr pessimistischer Genre-Hybrid das historische Schreckensszenario einer Diphtherie-Seuche zum Instrument schicksalhafter Vergeltung. Das trügerische häusliche Ideal des Protagonisten wird zum Inbegriff oberflächlich verdeckter psychopathologischer Abgründe.
Jene kündigen sich in alptraumhaften Visionen bereits an, bevor der scheinbar vom Glück bevorzugte Protagonist von einem perfiden Schicksal eingeholt wird. Als Pastor, Sheriff und Totengräber seines zynisch betitelten Heimatörtchens Friendship im ländlichen Wisconsin um 1870 ist Jacob Hansen (Johnny Flynn) eine wandelnde Personifikation systemstruktureller Befangenheit. Der aus Norwegen immigrierte Bürgerkriegsveteran versucht aus Pflichtgefühl und Reue für Kriegsverbrechen, die nur schemenhaft angedeutet werden, die spirituelle, institutionelle und die weltliche Ordnung in seiner Gemeinde aufrechtzuerhalten. Der Seuchenausbruch enthüllt seine fatale Inkompetenz.
Symbollastiger Auslöser der Krankheit, die der örtliche Arzt Guterson (John C. Reilly) als Diphtheriae diagnostiziert, ist die anonyme Leiche eines vagabundierenden Soldaten. Mehr besorgt um seine lokale Reputation und den Respekt der umliegenden Orte als um seine Mitmenschen, vernachlässigt essenzielle Sicherheitsmaßnahmen. Bald häufen sich die Krankheitsfälle unter der ahnungslosen Bevölkerung. Entgegen das Drängen seiner Frau Marta (Kristine Kujath Thorp) besteht Jacob darauf, zu bleiben. Ein Wanderzirkus und Waldbrand, die Rauch am Horizont und mysteriöse Flyer ankündigen, werden zu Vorboten von Weltuntergang und Wahnsinn.
Die Labilität körperlicher und geistiger Gesundheit, das verdrängte Grauen von Trauma und Schuld sowie der Kollapse irdischer Ordnung parallel zum Gauben an göttliche sind die gewichtigen Themen Dara Van Dusens morbider Metapher. Kate McCulloughs evokative Kameraarbeit erschafft eine apokalyptische Ästhetik, in der die ausgebleichten Nuancen Weiß, Braun und Gelb in höllisches Rot-Orange auflodern. Die fiebrige Düsterkeit des surrealen Szenarios, indem der Sonnenuntergang visuell mit dem flammenden Verderben verschmilzt, demontiert die klassische Western-Ikonographie. Schauspielerisch überzeugend, ist die sorgsam inszenierte Charakterkonstellation das emotionale Zentrum des halluzinatorischen Szenarios von symbolistischer Wucht.
- OT: A Prayer for the Dying
- Director: Dara Van Dusen
- Year: 2026