Umso länger sich Ester Geislerovás biographisches Leinwand-Debüt hinzieht, umso erdrückender wird der Gestus von nostalgischem Narzissmus und scheinhistorischer Selbstdarstellung in einem Werk, das mit der vorgeblichen Geschichtlichkeit des Protagonisten augenscheinlich vor allem den eigenen Status aufwerten will. An subjektiven Lobpreisungen und unkritischen Überhöhungen mangelt es nicht in dem archivarischen Arrangement, das über durchscheinende Schattenseiten seines Charakters und dessen Wirkens beflissen schweigt. Diese spürbare Befangenheit ist kein Zufall, ist doch die Regisseurin die Tochter ihres Subjekts.
Das ist der tschechische Japanologe und Übersetzer – sowie laut der Synopsis noch Journalist, Kalligraph und Unterrichter – Petr Geisler. Der 2009 im Alter von 60 Jahren verstorbenen Akademiker ist außerhalb der Fachkreise seines Heimatlandes praktisch unbekannt. Seine Tochter will das augenscheinlich ändern und widmet sich in mehreren Formen der posthumen Verehrung ihres Vaters. Er wurde zu einer führenden Autorität auf in Japanologie zu einer Zeit, als Tschechisch-Japanische Übersetzungen rudimentär und rar waren und das Studium asiatischer Kulturen ein Novum.
Es war, als würden Geisler und seine Universitätskollegen Außerirdische erforschen, heißt es in einer der Szenen, die auf einen zwiespältige Exotismus hinweist. Doch sensible Themen wie Exotismus, kolonialistische Perspektiven und Chauvinismus werden ebenso ausgespart wie der jahrzehntelange Alkoholismus des Hauptcharakters. Beim routinierten (Be)Trinken des verheirateten Familienvaters endet das Bagatellisieren. Auch seine Affären und das Vernachlässigen der Kinder wird teils banalisiert, teils legitimiert, teils ironisiert. Die exklusive Männer-Clique wird zum Emblem einer verlorenen akademischen Freiheit.
Interessanter als das vielfältige Archivmaterial Ester Geislerovás persönlichen Porträts ihres Vaters Petr Geislers sind dessen psychologische und (auto)biographische Implikationen. Das kurz zuvor in einer selbst initiierten Ausstellung präsentierte Schaffen des Vaters zu zelebrieren dient der Regisseurin augenscheinlich der eigenen Aufarbeitung dessen ambivalenter Person. Mit deren problematischen Facetten und Konflikten werden jede charakterliche Komplexität, Individualität und zwischenmenschliche Dynamik verdrängt. Was bleibt ist eine Heimvideo-Hagiographie voller scheinheiliger Superlative, die weder als intimes Familienbild, noch als historische Hommage überzeugt.
- OT: Dvě deci tuše
- Director: Ester Geislerová
- Year: 2026