Das örtliche Freibad ist nicht nur der einzige Ort, an dem die junge Protagonistin Mia Maariel Meyers bittersüßer Romanverfilmung aus ihrem fordernden Alltag abtauchen kann. Die titelgebende Schwimmstrecke dient der losen Dramaturgie auch als konstruierter Kontaktpunkt der zentralen Handlungsstränge und Themen, die sich nur mühsam zusammenfügen. Auf der einen Seite lastet ein harsches Familiendrama von familiärer Vernachlässigung, vorzeitiger Verantwortung und sozialem Verstecken. Auf der anderen Seite lockt eine bittersüße Romanze um Sehnsucht, Selbstentdeckung und Schuld.
Parallel zu ihrem Mathematikstudium trägt die junge Tilda (Luna Wedler) zu Hause eine doppelte Fürsorgerolle. Sie jobbt im Supermarkt, übernimmt die täglichen Aufgaben, zu denen ihre alkoholabhängige Mutter (Laura Tonke) nicht in der Lage ist, und ruft den Notarzt, wenn sie wieder mit Alkohol- oder Tablettenvergiftung bewusstlos daliegt. Doch Tildas eigentliche Bürde ist ihre jüngere Halbschwester. “Wir sind ein Organismus”, sagt Tilda zu Beginn über Ida (Zoë Baier). Ihre Beziehung ist indes alles andere als symbiotisch.
Ida gleicht mehr einem passiven Parasiten in ihrer absichtlichen Abhängigkeit. Während Tilda zu früh erwachsen handeln musste, verhält Ida sich gezielt, um Tilda an sich zu binden. Das unerwartete Wiedersehen mit dem Viktor (Jannis Niewöhner), dem Bruder eines verstorbenen Freundes, der seine eigene Familientragödie mitbringt, weckt in Tilda Sehnsüchte nach einem eigenen Leben. Doch dazwischen steht neben dem Pflichtgefühl gegenüber Ida alte Schuldgefühle: zu viel für eine Person und einen Film, der zwischen Pädagogik-Lektionen und Prestigekino zerfasert.
Die überflüssige Romanze der Protagonistin wirkt wie eine dramaturgische Flucht vor den Faktoren, die sie mental zermürben. Zwar verortet die Regisseurin Vernachlässigung und Sucht einmal nicht in der Unterschicht, sondern der Mittelschicht, doch zeigt deren milieuspezifische Muster – Tildas Verachtung für die Unterschicht und Aspiration zur Elite – ohne es zu ergründen. Ebenso schemenhaft bleibt die Schwesternbeziehung, deren toxische Zwanghaftigkeit weder die Figuren eingestehen, noch die euphemistische Inszenierung. Jene bleibt trotz impressionistische Anwandlungen letztlich konform – passend zum Szenario.
Luna Wedlers klare Darstellung wird zum emotionalen Momentum einer Coming-of-Age-Story, die dem psychologischen und sozialstrukturellen Gewicht seiner Themen beständig ausweicht. Sucht, Überforderung und psychische Labilität verurteilt Mia Maariel Meyer in ihrer ambitionierten Adaption Caroline Wahls gleichnamigen Jugendbuchs als Charakterfehler. Als Alkoholikerin wird die Mutter zum Sündenbock. Systemisches Versagen und sozialstrukturelles Desinteresse werden ausgeblendet. Der Off-Kommentar dient als ungelenkes Behelfsmittel, wo Drehbuch und Bilder zu kurz greifen. Zwischen Überkonstruktion und Distanzierung bleibt solides Schauspielkino ohne Resonanz.
- OT: 22 Bahnen
- Director: Mia Maariel Meyer
- Year: 2025