Akzeptiert man, dass die von Alex Garland geschriebene und von Danny Boyles Regie geprägte Zombie-Saga auf jeder Ebene auserwählt ist – atmosphärisch, effekttechnisch, psychologisch, soziologisch, systempolitisch und ideologisch – dann ist der vierte Eintrag in das mittlerweile postapokalyptische Franchise durchaus unterhaltsam. Das verdankt das Sequel zu 28 Years Later, der titelgetreu 28 Jahre nach den Ereignissen des Originals 28 Days Later und seiner Fortsetzung 28 Weeks Later einsetzte, drei Aspekten: Nia DaCostas konzentrierter Regie, die Gore und mit psychologischer Spannung balanciert, Ralph Fiennes eindringlicher Darstellung Dr. Ian Kelons, der das titelgebenden Ossuarium errichtet, sowie Jack O‘Connells sadistischem Antagonisten Sir Lord Jimmy Crystal.
Der in zwei Rahmenszenen des filmischen Vorgängers vorgestellte Satanist-Sektenführer im Trainingsanzug ist Begründer und Anführer einer gewaltvernarrten Gang namens The Jimmys. Die gläubigen Gefolgsleute, die sich nach Vorbild ihres Anführers Jimmy Saviles charakteristischen Look mit Sport-Anzügen und blondiertem Topfhaarschnitt aneignen, sind eine brillant-bissige Kritik religiöser und medialer Kultfiguren, klerikaler Irrlehren und normalisierter Grausamkeit. Als atheistischer Mediziner, der selbst gegenüber den mit dem Rage-Virus Infizierten eine humanistische Ethik wahrt, ist Kelson das positive Gegenbild Jimmy Crystals. Beider Begegnung kulminiert in ein sardonisches Spektakel, das die charakteristischen Kernelemente des Franchise zusammenführt: Endzeit-Aura, eine Idylle und Schrecken vereinende Ästhetik, Figurendynamik, exzessive Gewalt und morbide Komik.
In Retrospektive scheint Danny Boyles Vorgänger-Film nur ein aufwendiger Prolog zu Nia DaCostas überlegener Fortsetzung. Jene dosiert die Gewaltdarstellungen zugunsten suggerierter Schrecken und entwirft ikonische Bildkonstellationen in Referenz zu den biblischen und mythischen Motiven. Beide verweisen auf die ideologischen Konflikte, deren Gegenwartsbezüge klarer und kritischer sind als in Garlands vorangehenden Filmen. Die parodistische Pervertierung christlicher Doktrin und popkultureller Konzepte zeigt beider Austauschbarkeit in assimilierendem Autoritarismus, Massenmanipulation und sublimiertem Sadismus. Weit interessanter als der jugendliche Protagonist sind die charismatischen Nebenfiguren des schauspielerisch starken Sequels. Dessen reduzierte Handlung stellt Charakterentwicklung vor Kampf-Szenen und verschiebt demonstrativ die etablierte Definition von Menschen und Monstern.
- OT: 28 Years Later: The Bone Temple
- Director: Nia DaCosta
- Year: 2026