Wäre Mariko Minoguchis zweiter Spielfilm in einer Welt in den Kinos gestartet, in der es nie einen Lockdown gegeben hat und nie scheinbar unverrückbare Grundrechte zu „Privilegien“ deklariert wurden, dann schiene die Story wie eine finstere Dystopie. So ist die Handlung nur ein paar Schritte entfernt von einer Realität, die seinerzeit der Mehrheit der Bevölkerung viel zu freiheitlich und nachlässig war, und die gerade die Befürworter offenbar gern vergessen wollen. Umso relevanter ist harsche Auseinandersetzung mit dem Zerfall humanistischer Grundsätze und der Brüchigkeit einer trügerisch stabilen Demokratie aus der Perspektive der davon am härtesten Betroffenen.
Eine davon ist die von Nina Hoss mit pragmatischer Entschlossenheit verkörperte Hanna. Die ehemalige Ärztin ist eine der Infizierten in einer alternativen Gegenwart, in der die staatlichen Repressionen während einer weltweiten Pandemie zu Ende gedacht wurden. Erkrankte werfen in Lager verschleppt, vorgeblich, um medizinisch versorgt zu werden, doch tatsächlich kehrt niemand von dort zurück. Die Seuche selbst bleibt unbenannt, doch die Parallelen zu Covid-19 sind unübersehbar, von individueller Immunität bis zu erheblich unterschiedlichen Verläufen. Läsionen sind das einzige äußerliche Symptom; ein Verweis auf die AIDS Pandemie, aus deren Fehlern die Verantwortlichen während Covid nichts gelernt hatten.
Um dem Lager zu entgehen, haust Hanna am Rand einer Kleinstadt versteckt im Wald. Ihr Bruder bringt ihr regelmäßig Verpflegung zu der verlassenen Ferienhütte, in die sie sich nach dem Tod ihres Mannes und Kindes geflüchtet hat. Nur einen kurzen Weg entfernt und dennoch unendlich weit weg lebt die bürgerliche Mittelschicht, zu der auch Hanna mal gehörte, eine relative Normalität oder das, was kosmetisch davon erhalten wurde. Kinder gehen wieder zur Schule, die Kollegin, von der Hanna in einer Notlage Medizin erbittet, beschwert sich über ihr potenziell infektiöses Auftauchen „wo es gerade wieder normal wird“.
In kleinen Sätzen bündelt sich die bizarre Diskrepanz im Erleben desintegrierender Demokratie. Für die einen ist der schlimmste Effekt eine verpasste Runde Spiele-Abend, andere fürchten um ihren Rest Existenz. Ironischerweise wird Hanna die Rettung eines verunglückten Skifahrers zum Verhängnis. Auf der Flucht vor den Sondereinheiten trifft sie am Rande der Alpen die hochschwangere Lila (Precious Mariam Sanusi) in einem Camp Infizierter. In der prekären Gemeinschaft findet sie vergessene Zugehörigkeit und die geteilte Hoffnung auf ein besseres Leben im Süden. Zeitaktuelle und vergangene Krisen verwebt das quasi-historische Seuchendrama zu einem systemkritischen Sittenbild von bedrückendem Realismus.
Der mehrdeutige Titel Mariko Minoguchis dystopischen Dramas verweist zugleich auf den ideellen Zielort der Protagonistin und ihren eigenen radikalen Seitenwechsel durch den abrupten Verlust des sozialen Status. Die narrative Umkehr vermeintlicher geopolitische Gewissheiten von politischer, ökonomischer und struktureller Sicherheit bietet einem akademischen, bürgerlichen Publikum eine Identifikationsfigur. Hoss verkörpert diese gewohnt kompetent, doch ihre eigene Passivität während des Lockdowns macht die Besetzung zwiespältig. Felix Pfliegers Kamera wirft einen auch farblich kühlen Blick auf das naturalistisch gestaltete Szenario, das die Aggression und gezielte Ignoranz humanitärer Katastrophen bewusst nüchtern einfängt. Ein trotz politischer Zurückhaltung vielversprechendes Zweitwerk.
- OT: Die andere Seite
- Director: Mariko Minoguchi
- Year: 2026