In der Eröffnungsszene Jan-Ole Gersters kantigen Charakterdramas liegt Tennis-Profi Tom (ein dauerzerknitterter Sam Riley) scheinbar weitab der Zivilisation in den Dünen. Doch jene enthüllt der nächste Schnitt als Teil eines Hotelstrands auf den Kanaren. Die nächste Touristenhochburg ist in Sichtweite, Toms Auto wenige Schritte entfernt. Was wie das Ende eines tragischen Vorfalls aussah, entpuppt sich als banaler Absturz. Die hat der Hotel-Tennislehrer regelmäßig. Immer wieder lässt der Regisseur seinen Protagonisten verkatert irgendwo aufwachen. Ein Tag gleicht dem anderen. Bis die undurchsichtige Anne (Stacy Martin) auftaucht und ihn in das Verschwinden ihres Gatten Dave (Jack Farthing) verstrickt. Der Wendepunkt eines versackten Lebens?
Vom ersten Moment an liegt in der schwülen Insel-Atmosphäre, die Kameramann Juan C. Sarmiento Grisales in gleißenden Farben einfängt, die Sehnsucht nach etwas Größerem. Das hätte Tom mit seinem Sporttalent vielleicht haben könne. Gersters mit Blaž Kutin verfasstes Drehbuch lässt offen, wie Tom am ebenso malerischen wie monotonen Schauplatz gelandet ist. Doch hinter seinen selbstzerstörerischen Exzessen dümpelt resignierte Frustration. Damit ist er nicht allein. Anne, die mit ihm eine Affäre beginnt, und der örtliche Polizeikommissar sehnen sich anscheinend ebenfalls nach einer Romanze wie im Kino oder einem Murder Mystery. Letztes scheint tatsächlich gekommen, als Dave verschwindet und Anne unter Verdacht gerät.
Genüsslich spielt das surreale Szenario mit den Sehnsüchten, die das Kino und seine Konstrukte wecken. Der Retro-Soundtrack suggeriert Geheimnis und Gefahr. Die ruht unheilvoll auf dem Meeresspiegel alle Hotelangestellte scheinen etwas zu verbergen. Wenn Toms Kumpel sagt, der Kommissar habe zu viel Columbo geguckt, gilt das im weiteren Sinne für alle Involvierten. Der Wunsch nach dem Ausbruch aus der eigenen belanglosen – im Falle der Charaktere äußerst komfortablen – Existenz und nach großen Gefühlen prallt auf eine triviale Realität. Film Noir Tropen wie die Femme fatale oder der unnachgiebiger Detective werden heraufbeschworen, aber nie bedient. Alles verpufft in Wunschdenken – auch das cineastische Potenzial.
Der Wunsch nach elegischem Drama bleibt auch für Jan-Ole Gerster einer. Seine kauzige Charakterskizze schwankt zwischen Hommage und Persiflage der Genrewerke, deren Motive sie einsetzt. All das ist ausreichend unterhaltsam, gediegen gefilmt und elegant gespielt. Doch mehr als den flüchtigen Reiz einer filmischen Fingerübung entwickelt der das melancholische Möchtegern-Mystery nicht. Der Plot reanimiert zu oft die gleichen Pointen und der Satire fehlt echter Biss. Was bleibt, ist ein amüsantes Intermezzo und die Sehnsucht nach mehr Substanz.
- OT: Islands
- Director: Jan-Ole Gerster
- Screenplay: Jan-Ole Gerster, Blaž Kutin
- Year: 2025
- Distribution | Production © Leonine