Dass Stephan Komandarevs exemplarisches Exposé systemischer Ausbeutung und strategischer Schuldzuweisung ein Film über die Pandemie sei, ist ein ebenso bizarres wie bezeichnendes Missverständnis. Dem vorbeugen sollte eigentlich bereits der Titel. Der verweist auf die Arbeiterrechte und Sicherheitsstandards, die in den Mitgliedstaaten offiziell gelten, doch belanglos bleiben für die Lebensrealität von Menschen wie der pragmatischen Protagonistin. Iva (Gergana Pletnyova) arbeitet als Näherin in einer bulgarischen Textilfabrik, deren Zustände an Wang Bings Youth-Trilogie erinnern. Überstunden sind die Norm, genauso wie Zwölfstunden-Schichten in stickigen, fensterlosen Räumen.
Dort stehen dicht an dicht die Nähmaschinen, an denen Masken angefertigt werden, aber von den Arbeitenden nicht getragen. Ideale Bedingungen für die Verbreitung des Virus, das zu Handlungsbeginn bereits in Sofia gemeldet wurde. Doch wer einen Tag unentschuldigt fehlt, verliert die Hälfte des Lohns, mit dem die verwitwete Mutter des erwachsenen Misho (Todor Kotsev) kaum über die Runden kommt. In einer der ersten Szenen bittet Iva vergeblich um eine Krankschreibung, die der Internist des trostlosen Bergarbeiterorts Angestellten der Textilfabrik grundsätzlich verweigert.
Als Iva nach einem Zusammenbruch positiv auf Covid getestet wird, finden der italienische Investor, dessen Geld neben der Textilfabrik die Stadt kontrolliert, und ihr als williger Handlanger fungierender Bruder Lyudmil (Gerasim Georgiev) einen willkommenen Sündenbock. Die Hexenjagd auf die eingekesselte Hauptfigur, die mit niedergeschlagener Märtyrerinnen-Miene alle Angriffe hinnimmt, erzählt der Regisseur und Co-Drehbuchautor mit der kalten Distanz von Blaga‘s Lesson. Mit der gleichen unerbittlichen Präzision zeigt das deprimierende Sittenbild die ethische Verrohung hinter einer fadenscheinigen gemeinschaftlichen Fassade sowie die Erosion menschlicher Würde durch ein skrupelloses System.
Dessen eklatante Parallelen zu den staatlichen Mechanismen während der Pandemie, die mediale Anstachelung moralistischen Furors und Aufteilung von Erkrankten in Schuldige und Unschuldige ignoriert die simplizistische Story. Ebenso abwesend sind psychologische Feinheiten der in klare Gut-Böse-Schemata unterteilten Figuren. Jene verkörpern sozialstrukturelle Prototypen in einer nach authentischen Berichten aus der bulgarischen Textilindustrie konstruierten Morallektion. Zwar wird die ökonomische Marginalisierung visuell und dialogisch überdeutlich, doch die daraus entspringenden Dynamiken erzwungener Loyalitäten und Existenzängste bleibt schemenhaft. So vehement die naturalistische Inszenierung die Arbeitsausbeutung verurteilt, so ängstlich vermeidet sie eine Positionierung zu den Pandemie-Maßnahmen.
Der Zeigefinger-Moralismus, mit dem Stephan Komandarev die Aufstellung einer entrechteten Fabrik-Arbeiterin als Sündenbock anklagt, steht in irritierendem Kontrast zur ethischen Dialektik seiner pessimistischen Gesellschaftssektion. Jene stellt sich nur scheinbar gegen die öffentliche Denunziation erkrankter Menschen während der Pandemie. Tatsächlich werden individuelle Schuldzuweisungen indirekt legitimiert, solange sie nur die vermeintlich „Richtigen“ treffen. Gedrängte Bildkomposition und trübe Farben unterstreichen neben der Ausweglosigkeit des Szenarios auch die perspektivische Beschränkung eines Dramas, das die unentschlossene Passivität seiner Nebenfiguren teilt. Die Verflechtung von systemischer Interessen, scheinheiliger Symbolpolitik und performativer Bestrafung überlagert sozialreformatorische Gestik.
- OT: Made in EU
- Director: Stephan Komandarev
- Year: 2025