“Family is forever”, sagt die koreanisch-amerikanische Emily ihrer kognitiv beeinträchtigten Schwester Anna in Liz Sargeants intimen Familiendramas in einer jener mehrdeutigen Szenen. Jene verweist auf den psychologischen Zwiespalt der handlungszentralen Familienkonstellation. Familie bedeutet für die 38-jährige Anna (mit beeindruckender Unbefangenheit verkörpert von Sargeants echter Schwester Anna Sargeant) und ihre alternden Adoptiv-Eltern einen selbstbestimmten Schutzraum, aber auch private Belastungen und Verpflichtungen, denen weder Anna noch ihre Eltern länger gewachsen sind. Konfrontiert mit der stetigen Eskalation in ihrem Elternhaus sieht sich Emily (Ali Ahn) in einem moralischen Zwiespalt.
Der rapide gesundheitliche Abbau ihrer Adoptiv-Mutter Joan (Marceline Hugot) und die fortschreitende Demenz ihres Adoptiv-Vaters Bob (Victor Slezak) stellen Emily als einzig geistig und körperlich völlig fittes Familienmitglied vor eine doppelte Verantwortungsfrage. Der zunehmend desorientierte Bob ist kaum noch in der Lage, Anna die nötige alltägliche Unterstützung zu liefern. Umgekehrt ringt Anna mit der physischen Versorgung des Seniorenpaares. Der desolate Zustand des amerikanischen Gesundheitssystems forciert die angespannte häusliche Situation. Über 15.000 Menschen warten auf einen Betreuungsplatz, erklärt eine Sozialarbeiterin Bob, der Annas Wutausbrüche unwillkürlich triggert.
Die observative Kamera studiert die destruktive Dynamik der zerfallenden Familie mit einer analytischen Zurückhaltung, die angesichts der biographischen Inspiration des Geschehens umso bemerkenswerter ist. Visuelle Nähe steht in herausforderndem Kontrast zur menschlichen Distanz, die den ethischen und emotionalen Konflikt auf sozialer, systemischer und subjektiver Ebene durchleuchtet. Unstete Handkamera-Bilder und natürliche Lichtquellen schaffen eine dokumentarische Optik in bewusster Abgrenzung zu manipulativer Sentimentalität. Umso irritierender ist die radikale Revision dieses realistischen Ansatzes in der Schlusssequenz. Deren weiter Interpretationsraum reicht von Eskapismus bis Eugenik in seiner surrealen Subversion sozialdramatischer Sachlichkeit.
Ausgehend von ihrem gleichnamigen Kurzfilm, in dem ebenfalls ihre eigene Schwester Anna die Hauptrolle übernahm, entwirft Liz Sargeant eine fiktive Version ihres eigenen Familienlebens. Diese persönliche Involvierung, dramaturgisch und inszenatorisch, gibt der intimen Inszenierung eine anrührende Verletzlichkeit. An Cinema Verité erinnernde Improvisation und Impulsivität katalysieren die authentische Aura der privaten Vignetten. Dass jene elliptisch den gleichen Mustern folgen und etablierte Aspekte der erodierenden Gemeinschaft stetig wiederholen, unterstreicht die festgefahrenen Muster, ist aber auch enorm erschöpfend. Was bleibt, ist Ratlosigkeit, vor der Leinwand und hinter der Kamera.
- OT: Take Me Home
- Director: Liz Sargeant
- Year: 2026