Ein Jahrzehnt, nachdem Pablo Agüero in Eva Doesn’t Sleep Evita Peron zur Schlüsselfigur eines skurrilen Pseudo-Biopics machte, konstruiert er eine kaum minder wirklichkeitsferne Story nun um Antoine Saint-Exupéry (Louis Garrel). Argentiniens umstrittene Präsidentengattin reduzierte der argentinische Regisseur zur gänzlich passiven Projektionsfläche in eigener von Männern bestimmten Filmwelt. Das Gegenteil unternimmt er mit dem französischen Schriftsteller. Der Titelcharakter, den alle entsprechend des Originaltitels nur lässig „Saint-Ex“ nennen, wird zum überlebensgroßen Helden stilisiert. Schon die erste Szene des Abenteuer-Epos zeigt ihn als tollkühnes Flieger-Ass, das der Gefahr buchstäblich ins Gesicht lacht. Kaum erwähnt wird hingegen sein bescheidener literarischer Claim to Fame.
„Der kleine Prinz“ ist kein kaum hundert Seiten langes Kinderbuch, das in kaum einer Liste der „most overrated books“ fehlt. Doch weil es nicht zuletzt dank der naiven Illustrationen des Autors in über 250 Sprachen übersetzt wurde, katapultierte es Saint-Exupéry posthum in den Olymp der Weltliteratur. Statt diesen Status auf ein realitätsnahes Maß herunterzubrechen, trumpft Agüero weiter auf. Saint-Exupérys Einsatz als Postpilot an der Seite seines Mentors und Kollegen Henri Guillaumet (Vincent Cassel) wird zum essenziellen Wagnis verklärt. Dass die Beschäftigung für den enorm privilegierten Helden, dessen Adel nie thematisiert wird, mehr um ein exzentrisches Hobby handelte, kommt nie zur Sprache.
Als Henri bei einem Flug vermisst gemeldet wird, ist Saint-Exupéry entschlossen, ihn zu finden. Seine Suche wird zum existenzialistischen Egotrip. Auf dem begegnen ihm allerlei kuriose Gestalten mit mal mehr, mal weniger offensichtlichen Bezügen zu seinen Werken. Das Priorisieren von Fiktion über Fakt in einem filmischen Lebensbild wäre interessant, würde die von Agyüero selbstverfassten Story dem Wesen des Hauptcharakters dadurch näher kommen. Doch das schwülstige Männer-Märchen voll martialischen Pathos und revisionistischer Romantik versackt in generischer Ikonographie. Selbst Kamerafrau Claire Mathon kann der faden CGI-Optik kein Leben einhauchen. Synthetisches Sentiment und Macho-Megalomanie verschmelzen zu einer gleichermaßen seichten und verstaubten Verklärung.
Wenn ein Schriftsteller-Biopic so scheitert wie Pablo Agüeros inspirationslose Apotheose, empfiehlt es sich normalerweise, lieber eines der Bücher des Protagonisten zu lesen. Nicht so im Fall von „Der kleine Prinz“. Zu dessen flachen Metaphern passt die theatralische Heldensaga paradoxerweise gerade aufgrund ihres Mangels an psychologischer Tiefe und Komplexität. Vor Kulissen in der artifiziellen Ästhetik eines betagten PC-Spiels und getragen von bombastischem Soundtrack gibt Cassel mit mechanischer Professionalität den alten Kämpfer. Garrel ist einerseits zu alt für den jugendlichen Draufgänger, den er abgeben soll, andererseits zu herausgeputzt für Saint-Exupéry. Exzessiver Einsatz von Weichzeichner und Sepia-Filter evozieren den unpersönlichen Look einer vergilbten Postkarte.
- OT: Saint-Exupéry
- Director: Pablo Agüero
- Year: 2025