Wenn es den quintessenziellen Nepo-Baby-Film noch nicht gab, hat Ronan Day-Lewis ihn geschaffen. Das von Day-Lewis Junior und Day-Lewis Senior gemeinsam geschrieben Skript ist wenig mehr als ein prätentiöses Podium für das zuverlässig eindrucksvolle Schauspieltalent Daniel Day-Lewis. Acht Jahre nach Phantom Thread wirkt seine schauspielerische Rückkehr wie ein kalkulierter Karriere-Push für seinen Sohn. Als Ex-Soldat Ray Stoker lebt Day-Lewis in malerischen Wäldern eine eremitische Existenz in Analogie zu der titelgebenden Pflanze. Die Anemone schließt ihre Blüte, wenn sie Unwetter wahrnimmt.
Genauso hat Ray sich zurückgezogen, als familiäre Stürme heraufzogen. Nun bietet ihm sein Bruder Jem (Sean Bean) Versöhnung im Gegenzug für Hilfe. Beide Brüder kämpften im irischen Bürgerkriegs, nachdem Jem sich in die Religion flüchtete und Ray in sein Walden. Seine Ex-Partnerin Nessa (eine unterforderte Samantha Morton) und Sohn Brian (Samuel Bottomley) gingen an Jem über, entsprechend des patriarchalischen Phlegmas. Die schwerfällige Story hängt an Gender-Rollenbildern, die so verstaubt sind wie die manierierte Inszenierung. Naturbilder, ausdauerndes Schweigen und langgezogene Szenen behaupten lediglich psychologischen Tiefgang,
Stattdessen wuchert kunsthandwerkliche Theatralik. Während auf der Leinwand kaum etwas passiert, rezitieren die Charaktere – allen voran Ray – leere Worthülsen, die das Publikum mal krampfhaft hypnotisieren, mal systematisch irritieren wollen. Dass dies misslingt, liegt nicht zuletzt an der überdeutlichen Absicht. Die von dunklen Grün- und Brauntönen geprägten Kameraaufnahmen unterstreichen die unterkühlte Gefühlswelt der zentralen Figuren. Deren starkes Schauspiel ist das statische Zentrum der überkonstruierten Handlung, die besser einen Roman abgegeben hätte, obschon keinen sonderlich guten.
Das Rauschen der Blätter der malerischen Waldkulisse Ronan Day-Lewis pompösen Regie-Debüts klingt mehr nach dem Rascheln der Drehbuchseiten. Papierne Reden machen das dia- und monologlastige Drama noch ermüdender als der Mangeln an Ereignissen und Figurenentwicklung. Ambiente-Geräusche und melodramatisch Musik akzentuieren den kunsthandwerklichen Duktus dieser Familien-Affäre vor und hinter der Kamera. Als majestätische Bühne für eine famose schauspielerische Rückkehr und exzellente Nebenrollen funktioniert das düstere Drama. Abseits dessen bleibt es ein artifizielles Konstrukt, das seinen hochtrabenden Ambitionen kaum gewachsen ist.
- OT: Anemone
- Director: Ronan Day-Lewis
- Year: 2025